Mit allen Sinnen lernen: Kleine Ideen für den Schulalltag


 

Kinder lernen mit ihrem ganzen Körper. Sie beobachten, hören, sprechen, bewegen sich, probieren aus, ertasten Dinge und verbinden neue Informationen mit bereits Bekanntem. Gerade deshalb kann es im Schulalltag bereichernd sein, immer wieder mehrere Sinne anzusprechen.

Das bedeutet nicht, dass jede Unterrichtsstunde zum großen Erlebnisparcours werden muss. Oft reichen kleine Veränderungen.

Warum Lernen mit allen Sinnen helfen kann

Unser Gehirn verarbeitet Informationen nicht unabhängig von unserem Körper. Was wir sehen, hören, fühlen oder selbst tun, kann miteinander verknüpft werden und dadurch zusätzliche Anknüpfungspunkte schaffen.

Besonders beim Lernen von Sprache, Lesen, Schreiben und grundlegenden mathematischen Vorstellungen kann die Verbindung verschiedener Sinneseindrücke hilfreich sein.

Ein Kind schreibt ein Wort nicht nur ab, sondern spricht es gleichzeitig laut aus. Es legt Buchstaben mit den Händen. Es hört den Laut und sieht das Schriftbild.

Aus einer abstrakten Information wird etwas, das auf mehreren Ebenen erlebt wird.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Sinne gleichzeitig zu beschäftigen. Weniger kann durchaus mehr sein. Entscheidend ist, dass die Sinneserfahrung zum Lerninhalt passt.

1. Wörter fühlen

Neue Wörter lassen sich wunderbar mit Materialien verbinden. Für den Anfang reicht eine kleine Schale mit Sand, Grieß oder Mehl. Buchstaben oder kurze Wörter können mit dem Finger hineingeschrieben werden.

Auch Buchstaben aus Holz, Filz oder anderen Materialien bieten eine haptische Erfahrung. Kinder können sie ertasten, nachfahren und anschließend selbst schreiben. Besonders schön eignet sich diese Idee für:

  • Buchstaben und Laute

  • Rechtschreibwörter

  • Fremdsprachenvokabeln

  • schwierige Fachbegriffe

  • Wortbausteine

Kleine Variante: Ein Wort wird zunächst mit dem Finger geschrieben, dann laut gesprochen und anschließend auf Papier geschrieben.

So werden Fühlen, Sprechen, Sehen und Schreiben miteinander verbunden.

2. Lernen in Bewegung bringen

Wer lange sitzt, muss nicht zwangsläufig auch im Kopf stillsitzen. Viele Lerninhalte lassen sich mit Bewegung verbinden.

Für das Einmaleins können Ergebnisse im Klassenzimmer verteilt werden. Die Lehrkraft nennt eine Aufgabe und die Kinder bewegen sich zum passenden Ergebnis. Auch beim Vokabellernen kann Bewegung helfen: Für bestimmte Wörter werden kleine Gesten vereinbart. Jump wird gesprungen, turn wird gedreht, sit down wird ausgeführt.

Und auch Grammatik lässt sich in Bewegung verwandeln. Zum Beispiel können einzelne Wörter eines Satzes auf Karten stehen. Die Kinder stellen sich in der richtigen Reihenfolge auf.

Aus

Der Hund läuft durch den Garten.

wird plötzlich ein lebendiger Satz.

3. Hören statt nur Lesen

Manchmal lohnt es sich, einen Lerninhalt zunächst aus dem geschriebenen Wort herauszulösen. Wie klingt ein Gedicht, wenn es vorgelesen wird? Welche Geräusche passen zu einer Geschichte? Kann man einen Unterschied zwischen bestimmten Lauten hören? Beim Fremdsprachenlernen können Wörter und kurze Sätze gesprochen oder aufgenommen werden. Die Kinder hören genau hin und versuchen anschließend, das Gehörte wiederzugeben. Auch im Deutschunterricht kann das bewusste Zuhören eine eigene Lernaufgabe sein:

Augen schließen, zuhören, erinnern.

Welche Wörter wurden genannt? Welche Geräusche waren zu hören? Welche Stimmung ist entstanden? Das bewusste Hören trainiert dabei nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern schafft eine andere Form des Zugangs zu Sprache.

4. Dinge in die Hand nehmen

Abstrakte Inhalte werden oft verständlicher, wenn sie zunächst konkret werden. Beim Rechnen können Kinder Mengen legen, sortieren, bündeln und vergleichen. Geometrische Formen lassen sich mit Stäbchen bauen. Brüche können mit Papierstreifen, Kreisen oder anderen Materialien sichtbar und begreifbar werden. Auch Sachunterricht muss nicht ausschließlich über Bilder und Texte stattfinden. Ein Blatt kann betrachtet und ertastet werden. Steine können sortiert werden. Verschiedene Holzarten lassen sich vergleichen. Eine Muschel kann untersucht werden.

Die Frage lautet dabei nicht nur:

„Was weißt du darüber?“

Sondern auch:

„Was kannst du beobachten?“
„Was fühlt sich unterschiedlich an?“
„Was fällt dir auf?“

Gerade dieses genaue Hinschauen kann der Beginn von Lernen sein.

5. Mit Farben arbeiten

Farben können dabei helfen, Informationen zu ordnen. Beim Schreiben können beispielsweise Wortarten mit unterschiedlichen Farben markiert werden. Wichtige Begriffe in einem Sachtext bekommen eine eigene Farbe. Wortstämme und Endungen werden unterschiedlich hervorgehoben. Auch beim Lernen von Vokabeln kann eine farbliche Struktur hilfreich sein.

Dabei muss nicht jedes Arbeitsblatt bunt werden. Oft reichen zwei oder drei bewusst eingesetzte Farben. Die Farbe bekommt eine Bedeutung – und genau dadurch kann sie zur Orientierung werden.

6. Lernen mit kleinen Gegenständen

Manchmal braucht es überhaupt kein spezielles Lernmaterial. Knöpfe, Steine, Holzstücke, Wäscheklammern oder kleine Karten können zu Lernwerkzeugen werden. Mit ihnen lässt sich zählen, sortieren, vergleichen, ordnen und gruppieren. Auch Wörter können auf kleine Kärtchen geschrieben werden. Daraus entstehen Wortfamilien, Satzbausteine oder Geschichten.

Ein besonders einfacher Impuls lautet:

„Ordne diese Dinge so, wie es für dich sinnvoll ist.“

Anschließend erklären die Kinder ihre Entscheidung. Damit kommt neben dem Tastsinn auch das Denken und Sprechen ins Spiel.

7. Lernen über den Raum

Auch der Klassenraum selbst kann zum Lernmaterial werden. Eine Seite des Raumes bedeutet Ja, die andere Nein.

Oder:

stimmt – stimmt nicht

Die Lehrkraft liest Aussagen vor. Die Kinder positionieren sich entsprechend und begründen anschließend ihre Entscheidung. Für Mathematik können Zahlen auf dem Boden liegen. Kinder stellen sich auf einer Zahlenlinie auf oder bewegen sich entsprechend einer Rechenaufgabe.

Auch Wörter können im Raum verteilt werden und müssen zu einem Satz zusammengesetzt werden. Der Raum wird dadurch vom bloßen Aufenthaltsort zum Lernraum.

8. Einen Lernstoff „spielen“

Manche Inhalte bleiben besser hängen, wenn sie nicht nur erklärt, sondern gespielt werden. Eine historische Person wird dargestellt. Ein Dialog wird nachgespielt. Ein Gedicht bekommt verschiedene Stimmen. Ein Sachverhalt wird als kleines Rollenspiel dargestellt.

Dabei geht es gar nicht darum, eine perfekte Aufführung zu produzieren. Es reicht, einen Inhalt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

„Wie würdest du sprechen, wenn du diese Figur wärst?“

„Wie würde sich diese Situation anfühlen?“

„Was würdest du tun?“

Solche Fragen können einen Lerninhalt plötzlich persönlicher und greifbarer machen.

9. Eine kleine Sinnesminute zwischendurch

Mit allen Sinnen zu lernen bedeutet auch, zwischendurch bewusst wahrzunehmen. Eine kurze Minute kann genügen: Was hörst du gerade? Was siehst du? Wie fühlt sich dein Sitzplatz an? Welche Geräusche kommen von draußen? Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an? Solche kleinen Wahrnehmungsübungen brauchen kaum Vorbereitung und können besonders nach längeren konzentrierten Arbeitsphasen eine angenehme Unterbrechung sein. Sie holen Kinder aus dem reinen „Abarbeiten“ zurück ins Hier und Jetzt.

10. Raus aus dem Klassenzimmer

Und manchmal ist der einfachste Weg, mit allen Sinnen zu lernen: hinausgehen. Ein Wort kann draußen gesucht werden. Eine mathematische Aufgabe entsteht beim Zählen von Fenstern, Stufen oder Bäumen. Im Sachunterricht werden Blätter, Steine oder andere Naturmaterialien untersucht. Im Deutschunterricht kann ein kurzer Text draußen gelesen werden. Oder die Kinder bekommen lediglich den Auftrag:

„Finde etwas, das dich heute neugierig macht.“

Anschließend wird beschrieben, gezeichnet, gemessen, gezählt oder darüber geschrieben. So wird aus einem gewöhnlichen Stück Schulhof ein Lernort.

Lernen muss nicht immer laut sein

Bei all diesen Ideen geht es nicht darum, den Unterricht ständig abwechslungsreicher, bunter oder spektakulärer zu machen. Auch ein ruhiges, konzentriertes Arbeiten kann Lernen mit allen Sinnen sein. Ein Kind, das einen Buchstaben langsam nachfährt. Ein Kind, das aufmerksam einem Text lauscht. Ein Kind, das eine Menge mit den Händen legt. Ein Kind, das beim Schreiben bewusst die Form eines Wortes betrachtet.

Lernen darf auch langsam sein. Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Möglichkeiten des sinnlichen Lernens: Nicht immer mehr Reize zu schaffen, sondern die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was gerade da ist. Denn Lernen beginnt nicht erst dort, wo ein Arbeitsblatt auf dem Tisch liegt. Es beginnt mit Wahrnehmen. Mit Neugier. Mit Ausprobieren. Mit der eigenen Erfahrung. Und manchmal mit etwas ganz Einfachem, das man in die Hand nehmen, hören, sehen oder selbst tun kann.